Knochenmann, Knochenmann, wohin willst du, was ist dir?

Du humpelst umher, so armselig, schwankst hin und her, bemühst dich, deine erschlafften Muskeln zu ersetzen, richtest dich auf, versuchst dein Gleichgewicht zu erlangen, balancierst mit gestreckten Armen, suchst nach einem Halt,...

Knochenmann, Knochenmann, wohin willst du?

Du bist nackt. Du hoffst, hier herinnen deinen Hafen der Ruhe gefunden zu haben; doch der Kapo ist hinter dir und treibt dich mit schroffen Worten an: "Schnell, schnell!".

...Du träumst von deiner ausgelassenen Hochzeit, den Geigen und der Ziehharmonika, von der fröhlichen Gefolgschaft, die durch die Weizenfelder zog.

Du strauchelst; steh auf, so schnell du kannst!

Du denkst an die Nacht, die darauf folgte, wo euch so wohl war, so wohl, bis ihr einschlieft.... Sag, ist das ein Lachen? Sag, bist du tot?


Francois Wetterwald

( zitiert nach der Anthologie: Stimmen aus dem KZ Ebensee)


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                                AKM


Was wahr ist

nach Ingeborg Bachmann

Sopran, Flöte, Klarinette, Violoncello, Zuspielung

(Livemitschnitt Residenzgalerie Salzburg 12/2011)

Knochenmann

Gesangsensemble des Mozarteums Ltg.: Gertraud Steinkogler-Wurzinger

Klarinette: Daniela Fux

Akkordeon: Andrej Serkow

(Livemitschnitt aus dem Gedenkstollen Ebensee Mai 2009)

FLIEGENDE LEITERN

nach Augustinus von Hippo und Louise Bourgois

Anna Maria Pammer, Sylvie Lacroix, Petra Stump, Klara Wincor, Mathilde Hoursianghou,

4 Kanal Zuspielung

(ORF Treffpunkt Neue Musik „Ladies` Room“, Ausschnitt)

Intus ago, in aula ingenti memoriae meae. Ibi mihi et ipso occurro meque recolo.


Alles bewirke ich im Inneren, in der riesigen Halle meines Gedächtnisses. Dort begegne ich auch mir selbst und erinnere mich.


Augustinus von Hippo (354-430) Confessiones: Liber decimus /14

Was wahr ist, streut nicht Sand in deine Augen,
was wahr ist, bitten Schlaf und Tod dir ab
als eingefleischt, von jedem Schmerz beraten,
was wahr ist, rückt den Stein von deinem Grab.

Was wahr ist, so entsunken, so verwaschen
in Keim und Blatt, im faulen Zungenbett
ein Jahr und noch ein Jahr und alle Jahre -
was wahr ist, schafft nicht Zeit, es macht sie wett.

(...) Du haftest in der Welt, beschwert von Ketten,
doch treibt, was wahr ist, Sprünge in die Wand.
Du wachst und siehst im Dunkeln nach dem Rechten,
dem unbekannten Ausgang zugewandt.

                                         Ingeborg Bachmann


ENTERING ROOMS

musica moderna 2011, Łódż/Polen

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